Auch die Wirtschaft steht vor einer Zeitenwende
Das Bild einer Welt im geopolitischen Umbruch zeichnete Dr. Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), beim IHK-Kammergespräch im „Haus der Wirtschaft“. Und das Bild eines Wirtschaftsstandorts Deutschland, der vor grundlegenden Entscheidungen stehe. IHK-Präsident Dr. Armin Zitzmann eröffnete die Veranstaltung und stellte Mittelfranken als wirtschaftlich starke, innovationsgetriebene Region vor, die den Strukturwandel mehrfach erfolgreich bewältigt habe. Die hohe Leistungsfähigkeit von Industrie, Mittelstand und Dienstleistungen sei ein Beleg für die Zukunftsfähigkeit des Standorts. Gleichzeitig betonte er die herausragende Bedeutung der Themen Fachkräftezuwanderung sowie Transformation in neue Märkte und Geschäftsfelder.
Melnikov knüpfte daran an und machte deutlich, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schneller verändern als je zuvor. Seit ihrem Amtsantritt Anfang 2025 werde jede strategische Planung ständig durch neue weltpolitische Ereignisse überholt. Besonders die Rolle der USA unter Präsident Donald Trump bezeichnete sie als unkalkulierbar. Jüngste Drohungen mit neuen Zöllen und territoriale Ansprüche – etwa auf Grönland – zeigten, dass Wirtschaftspolitik zunehmend zum Instrument geopolitischer Macht werde. Deutsche Unternehmen zahlten dafür einen hohen Preis.
In dieser Lage, so Melnikov, reiche politische Diplomatie allein nicht aus. Wirtschaftliche Stärke werde selbst zum Machtfaktor. Wachstum sei deshalb nicht nur eine innenpolitische Zielgröße, sondern eine Voraussetzung für internationale Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig verschärfe sich der globale Wettbewerb: China agiere strategisch, planvoll und langfristig. Das Land habe sich von der „verlängerten Werkbank“ zur technologischen Konkurrenz entwickelt. Die Abhängigkeit Deutschlands von China auf zahlreichen Feldern – etwa bei seltenen Erden – sei enorm und berge erhebliche Risiken für Industrie und Energiewende.
Angesichts dieser Entwicklungen plädierte Melnikov für eine doppelte Strategie: bewährte Partnerschaften mit den USA und China pflegen, zugleich aber konsequent neue Märkte erschließen. Das Mercosur-Abkommen wertete sie als positives Signal, mahnte jedoch Realismus an, da die praktische Umsetzung dauern werde.
Der Schlüssel zu neuer wirtschaftlicher Stärke liegt laut Melnikov nicht allein im Außenhandel. Entscheidend sei eine mutige, wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik in Berlin. Zwar habe die neue Bundesregierung mit Investitionsanreizen, Abschreibungsregeln und einer Modernisierungs-Agenda erste richtige Schritte unternommen, doch das reiche nicht aus. Deutschland brauche eine echte Wirtschaftswende. Hohe Energiekosten, Bürokratie, langsame Verfahren, marode Infrastruktur und steigende Arbeitskosten bremsten Investitionen und Innovationsfreude. Aktuell werde vor allem in Kostensenkung investiert, aber kaum in Wachstum und Kapazitätserweiterungen. In einer Phase minimaler Erholung über Steuererhöhungen – etwa bei der Erbschaftsteuer – zu diskutieren, sei fatal, vor allem für den Mittelstand. Der Staat verfüge über Rekordeinnahmen, das Problem liege nicht bei zu wenig Geld, sondern bei dessen Verwendung.
Wenn wirtschaftliche Stärke ein geopolitisches Druckmittel wird, müssen wir unsererseits ,aufrüsten‘ – mit Wachstum.
Trotz aller Unsicherheiten machte Melnikov den anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmern Mut, denen sie auch für Ihr Engagement im IHK-Ehrenamt dankte. Unternehmen seien das Rückgrat von Wohlstand, Beschäftigung und regionaler Stabilität. Wachstum, so ihr zentrales Credo, bleibe die Voraussetzung für wirtschaftliche und politische Gestaltungskraft. Ohne Wachstum gebe es keine Antworten auf die Herausforderungen der aktuellen geopolitischen Zeitenwende.
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