Schlüssellos ins Unternehmen
Zutrittssysteme: Chip, Smartphone oder Fingerabdruck: Welche Zutrittslösung passt zu welchem Betrieb?
Rund 800 000 Schlüssel gehen in Deutschland jedes Jahr verloren. Der dadurch entstehende Schaden wird nach Berechnungen von VdS Schadenverhütung auf fast 100 Mio. Euro geschätzt. Besonders teuer kann es werden, wenn der Generalschlüssel eines Unternehmens verschwindet und eine komplette Schließanlage ausgetauscht werden muss. Schlüssellose Zutrittssysteme vermeiden dieses Risiko und bieten zugleich deutlich mehr Möglichkeiten. Berechtigungen lassen sich individuell vergeben, zeitlich begrenzen und bei Bedarf sofort sperren. Doch welche Technik eignet sich für welchen Einsatz?
der Chip – vielseitig und einfach zu verwalten: Am weitesten verbreitet sind Transponder oder Mitarbeiterausweise mit RFID-Technologie. Der Chip wird vor ein Lesegerät gehalten. Das System gleicht die hinterlegte Berechtigung ab und prüft, ob die Person zu diesem Zeitpunkt Zugang zu der jeweiligen Tür oder dem jeweiligen Bereich erhalten darf. Je nach Lösung wird die Berechtigung zentral in der Software verwaltet oder direkt auf dem Transponder gespeichert.
So lässt sich genau festlegen, wer beispielsweise nur das Verwaltungsgebäude betreten darf und wer zusätzlich Zugang zu Server-Raum, Lager oder Produktion erhält. Auch zeitlich begrenzte Freigaben für Gäste, Monteure oder externe Dienstleister sind möglich. Geht ein Transponder verloren, kann er sofort deaktiviert werden, ohne dass Schlösser ausgetauscht werden müssen.
Besonders sinnvoll ist die Verbindung mit der Arbeitszeiterfassung. Beschäftigte können mit demselben Ausweis am Terminal ihre Arbeitszeit buchen und anschließend berechtigte Türen öffnen. Personalstammdaten, Arbeitszeitmodelle und Zutrittsrechte werden dabei zentral verwaltet. Beginnt jemand neu im Unternehmen, wechselt den Aufgabenbereich oder scheidet aus, lassen sich Zeit- und Zutrittsberechtigungen gemeinsam anpassen oder sperren. Darüber hinaus kann derselbe Chip für weitere Anwendungen genutzt werden, etwa für Kantinenabrechnung, Maschinenfreigaben oder den geschützten Abruf von Druckaufträgen.
die PIN – praktisch als zusätzliche Sicherung: Eine Zahlencodierung eignet sich besonders als Ergänzung zum Chip. Für sensible Bereiche kann beispielsweise verlangt werden, dass Beschäftigte zunächst ihren Ausweis einlesen und anschließend eine PIN eingeben. Eine PIN kann allerdings weitergegeben oder ausgespäht werden. Als alleinige Lösung eignet sie sich deshalb eher für Bereiche mit überschaubarem Schutzbedarf. Bei höheren Sicherheitsanforderungen sollte sie mit einem weiteren Merkmal kombiniert werden.
der Fingerabdruck – persönlich, aber nicht immer zuverlässig: Beim Fingerprint wird kein Schlüssel und kein Ausweis benötigt. Der Scanner gleicht charakteristische Merkmale der Fingerkuppe mit den hinterlegten Daten ab. Das Verfahren hat jedoch praktische Grenzen: Im Reinigungsdienst oder in Küchen kann die Arbeit mit Wasser die Haut so verändern, dass der Fingerabdruck schlechter erkannt wird. In Druckereien werden die Fingerkuppen durch Papier stark beansprucht. Auch Verletzungen oder Hauterkrankungen können die Erkennung erschweren. Deshalb sollte immer eine alternative Zugangsmöglichkeit vorhanden sein. Bei biometrischen Verfahren sind zudem besondere Anforderungen an Datenschutz und betriebliche Mitbestimmung zu beachten.
das Smartphone – Zugang auf Zeit: Für Gäste, Monteure oder Beschäftigte an wechselnden Standorten kann das Smartphone zum digitalen Schlüssel werden. Die Berechtigung wird für einen bestimmten Zeitraum vergeben und endet danach automatisch. Das spart die Übergabe und Rücknahme von Schlüsseln oder Ausweisen. Je nach System kann man Türen auch aus der Ferne öffnen.
Allerdings braucht es eine Lösung für leere Akkus, verlorene Geräte oder technische Störungen. Auch darf nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass Beschäftigte ihr privates Smartphone für betriebliche Anwendungen nutzen.
Gesicht, Iris oder Fotoabgleich - für höhere Sicherheitsanforderungen: Eine weitere Möglichkeit ist die Identifikation über eine Kamera. Bei einer einfachen Pförtnerlösung erscheint nach dem Einlesen des Ausweises ein hinterlegtes Foto auf dem Bildschirm. So lässt sich prüfen, ob Ausweis und Person zusammenpassen.
Technisch anspruchsvoller sind Systeme zur Gesichts- oder zur Iriserkennung. Sie kommen vor allem dort infrage, wo besonders sensible Bereiche geschützt werden müssen. Allerdings können Lichtverhältnisse, Brillen, Schutzkleidung oder der Kamerawinkel die Erkennung beeinflussen. Auch hier gelten hohe Anforderungen an den Datenschutz, die technische Sicherheit und die Verhältnismäßigkeit.
der Venenscanner – schwer zu kopieren und hygienisch: Bei der Erkennung der Handvenen hält die Person ihre Hand vor oder auf einen Scanner. Infrarotlicht erfasst das individuelle Muster der Venen unter der Haut und gleicht es mit den hinterlegten Daten ab. Da dieses Muster im Körperinneren liegt, lässt es sich nur schwer kopieren oder weitergeben. Das Verfahren eignet sich deshalb besonders für sehr sensible Bereiche wie Rechenzentren, Labore, Forschungseinrichtungen oder Banken. Berührungslose Systeme können auch dort sinnvoll sein, wo hohe Hygieneanforderungen gelten, etwa in Kliniken oder der Lebensmittelproduktion. Die Technik ist allerdings aufwendiger und teurer als Chip- oder PIN-Lösungen. Auch hier braucht es für Störungen oder nicht eindeutig erkannte Personen eine alternative Zugangsmöglichkeit.
mehr Sicherheit durch Kombination mehrerer Verfahren: Je höher der Schutzbedarf, desto sinnvoller kann die Kombination mehrerer Verfahren sein. Für ein Büro genügt möglicherweise ein Transponder. Ein Server-Raum wird zusätzlich durch eine PIN geschützt. Für ein Labor kann neben dem Chip ein biometrisches Merkmal verlangt werden.
Die Technik allein macht ein Gebäude jedoch noch nicht sicher. Zutrittsrechte müssen regelmäßig überprüft, befristete Freigaben automatisch beendet und Berechtigungen bei einem Aufgabenwechsel angepasst werden. Ebenso wichtig sind Lösungen für Stromausfälle, Systemstörungen sowie Brand- und Rettungsfälle.
Welche Variante passt, hängt deshalb nicht allein von der Technik ab. Entscheidend sind der Schutzbedarf, die Arbeitsabläufe und die Menschen, die das System täglich nutzen. Die beste Lösung ist diejenige, die sicher funktioniert und im Alltag praktikabel bleibt.
Autor: Konstantin Thoma verantwortet bei der Aida Orga Nürnberg GmbH den Bereich Zutrittskontrolle. Das eigenständige Unternehmen gehört zum überregionalen Aida-Orga-Verbund und ist auf komplexe Lösungen für Zeiterfassung, Personalmanagement und Zutrittskontrolle spezialisiert (www.aida-orga.de).
Webcode: N2459