Dinge zackzack umgesetzt
Trotz aller politischen Einschränkungen schätzen viele deutsche Unternehmen den Standort Türkei. Ein IHK-Seminar informierte.
Trotz der innenpolitischen Turbulenzen sehen viele Unternehmen attraktive Geschäftsmöglichkeiten in der Türkei. Allein über 450 Betriebe aus Mittelfranken unterhalten wirtschaftliche Kontakte in das Land mit seinen gut 85 Mio. Einwohnern, das geografisch sowohl zu Europa als auch zu Asien gehört. In den letzten fünf Jahren hat die Zahl der Betriebe mit Türkei-Kontakten sogar zugelegt und im Jahr 2025 ist die Wirtschaft des Landes um rund drei Prozent gewachsen. „Das Türkei-Geschäft hat aufgeholt“, sagte IHK-Außenwirtschaftsexperte Christian Hartmann beim IHK-Seminar „Marktchancen Türkei“.
Referentin Ayça Gözmen Yalçın sieht zahlreiche Chancen: „Die Türkei ist kein einfacher Markt, aber aussichtsreich“, sagte die Geschäftsführerin der Deutsch-Türkischen Auslandshandelskammer (AHK) in Istanbul. Das Land, das im Englischen seit einiger Zeit offiziell nicht mehr Turkey, sondern Türkiye heißt, könne als Stehauf-Männchen bezeichnet werden. Vor drei Jahren hatte das Land mit einer großen Erdbebenkatastrophe zu kämpfen und danach Wiederaufbau und Ausbau der Infrastruktur gestemmt. Politisch führt Präsident Erdogan seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2023 einen immer härteren Kurs gegen die erstarkende Opposition, inklusive Verhaftung mehrerer Bürgermeister. Positiv wertet Yalçın die wirtschaftspolitische Kurskorrektur 2023 durch den neuen Notenbank-Chef, der die galoppierende Inflation eindämmen soll und erste Erfolge aufweisen kann. Seitdem zeigen ausländische Investoren wieder mehr Interesse für ein Engagement.
Technik-affine und junge Bevölkerung
Die Weltbank beschreibt die türkische Wirtschaft als „Upper-middle-income economy“ mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 15 500 US-Dollar. „Es ist ein konsumfreudiges, Technik-affines und junges Land“, beschreibt Yalçın die Stärken und Chancen. Zudem erleichtere die Zollunion mit der EU das wechselseitige Geschäft. Zwar dränge China auch auf den türkischen Markt, aber deutsche Produkte hätten weiterhin ein hohes Ansehen und stünden für Qualität. Generell fänden Investoren einen gut entwickelten Standort vor, auch wenn die Inflation aktuell immer noch bei rund 30 Prozent liege. Die schwache türkische Lira mache es günstiger, von dort aus zu exportieren. Aussichtsreiche Geschäftsfelder seien u. a. erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Wasserstoff. Erfolgversprechend seien auch Vorhaben in Digitalisierung und Industrie 4.0 sowie Automotive und Zulieferindustrie. Die Deutsch-Türkische AHK biete zahlreiche Netzwerk-Formate an, um in Kontakt mit potenziellen Geschäftspartnern zu kommen. Mit praktischen Dienstleistungen unterstütze die IHK-Einheit „DEinternational Servis“ im geschäftlichen Alltag (z. B. mit einem Inkasso-Service).
Yalçın sprach die Schattenseiten des Standorts Türkei offen an: Neben den innenpolitischen Turbulenzen nannte sie u. a. die steigenden Arbeitskosten, so sei Anfang 2026 beispielsweise ein höherer Mindestlohn festgelegt worden. Die potenziellen Mitarbeiter gelten als relativ gut ausgebildet, manche Unternehmen unterstützen Berufsschulen mit speziellen Fortbildungskursen. Trotzdem beklagen sich deutsche Unternehmen in der Türkei über einen wachsenden Arbeitskräftemangel. Erste Textilhersteller weichen deshalb mit ihrer Produktion bereits nach Ägypten aus. Die staatliche Verwaltung arbeite nicht sehr effizient, zudem seien die Entscheidungen in einem gewissen Maße unberechenbar.
Zu den Besonderheiten gehört das Stempelsteuergesetz, sagte die Wirtschaftsjuristin Asuman Kılıç Partnerin von Rödl Istanbul, einem Standort der Nürnberger Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Rödl. Für Verträge jeglicher Art mit einem türkischen Partner, die einen Geldbetrag enthalten (z. B. Kauf-, Werks- oder Dienstleistungsverträge), sei eine Stempelsteuer zu entrichten. In der Praxis werde das zwar nicht kontrolliert, aber ohne Stempelsteuer gebe es keine Rechtswirksamkeit.
Neben der Stempelsteuer, die bei Verträgen knapp ein Prozent der vereinbarten Beträge ausmacht, gibt es zahlreiche weitere rechtliche und steuerliche Unterschiede, weshalb Kılıç zu einer frühzeitigen Beratung rät. So beträgt der Standardsatz bei der Körperschaftssteuer 25 Prozent. Allerdings bekämen Hersteller und Exporteure Ermäßigungen von bis zu fünf Prozentpunkten. Mit einem besonderen Investitionszertifikat (YTB) lasse sich der Steuersatz sogar um bis zu 90 Prozent senken.
Freihandelszonen
In Freihandelszonen gibt es zusätzliche Steuervorteile, um exportorientierte Investitionen gezielt zu fördern. So entfallen dort etwa Zoll-, Mehrwert-, Sonderverbrauchs- oder auch Stempelsteuern. Unter bestimmten Bedingungen entfällt auch die Steuer auf Gewinne aus der Produktion in der Freihandelszone oder man ist von der Lohnsteuer befreit. Eine weitere Besonderheit ist bei den Beschäftigten der unterschiedliche Umgang mit dem Brutto- und dem Netto-Gehalt. Anders als in Deutschland nennen Bewerber bei ihrem Wunschgehalt immer einen Nettobetrag. Die Mitarbeiter kennen oft ihren Bruttolohn nicht, weil der Arbeitgeber die Einkommenssteuer abführt. Spezielle Regelungen gibt es bei GmbHs, AGs und Zweigniederlassungen in der Türkei. So droht etwa die persönliche Haftung, wenn eine AG oder GmbH die fälligen Steuern nicht bezahlen kann. „Der einfachste Weg zur Markterschließung ist ein Verbindungsbüro, das geht ohne Gründung einer eigenen Gesellschaft“, sagte Kılıç. Allerdings besteht hierfür nur eine befristete Genehmigung durch das Wirtschaftsministerium. Außerdem besteht ein Handelsverbot, Produkte dürfen also auch nicht testweise verkauft werden.
Für Investitionen in der Türkei spricht für Kılıç die hohe Veränderungsbereitschaft und Flexibilität der Menschen dort: „Während in Europa lange diskutiert wird, setzt man in der Türkei alles zackzack um.“ Für den Einstieg in der Türkei rät sie allerdings von sogenannten „Deutschländern“ ab, also Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Sie seien sprachlich und kulturell zu deutsch sozialisiert. „Beispielsweise kann eine direkte und ehrliche Kommunikation als Respektlosigkeit verstanden werden“, mahnt Kılıç.
Den Weg zum lokalen Produzenten und Exporteur illustrierte der Ingenieur Joachim Schlichtig, der in 14 Jahren Auslandserfahrung unter anderem Produktionswerke in China, Singapur, Finnland, Polen und in der Türkei aufgebaut hat. In der türkischen Freihandelszone in Manisa hatte der ehemalige Geschäftsführer einer Viessmann-Tochter eine neue Fertigung errichtet. Die Produkte sollten sowohl für die Türkei als auch für den Export hergestellt werden. Der Auftrag an ihn: Innerhalb von 18 Monaten soll das Werk stehen und mit der Produktion begonnen werden. Seine Lektion für die Seminarteilnehmer: von Anfang an lokale Spezialisten und Lieferanten einbinden. Er habe in der Türkei als erstes die Leiter für Qualitätsmanagement und Einkauf eingestellt und ihnen gesagt: „Ihr Türken baut jetzt eure Fabrik in der Türkei auf.“ Sie hätten auch ein Jahr in Deutschland mitgearbeitet, um Firmenkultur und Know-how von Viessmann zu verinnerlichen. So hat er es auch mit der ersten 30-köpfigen Schicht gemacht, die in Deutschland eingearbeitet wurde. Dann kamen die Maschinen an den neuen Standort, sodass der Start „auf den eigenen Maschinen“ gelang.
Als Vorgaben für sein neues Werk galten „gleiche Produktivität oder besser als in Deutschland sowie gleiche Qualität“. Bereits nach drei Monaten sei man voll produktiv gewesen, die Hälfte der Produkte ging in den europäischen Markt. Für den Erfolg habe man allerdings etablierte Lieferanten durch lokale Anbieter ersetzt, um gegen den Widerstand langjähriger Zulieferer Unternehmen vor Ort einzubinden. Außerdem wurde keine interne Konkurrenzsituation geschaffen, bei der ein deutsches Werk gegen die ausländische Schwestergesellschaft antritt. Schlichtig beschäftigte auch ausschließlich lokales Personal. Unabdingbar für ausländische Mitarbeiter sei ein ein großes Interesse an fremden Kulturen. Und man müsse sich den Respekt verdienen und im täglichen Geschäft auch mal mit anpacken.
Deutsch-Türkische AHK: https://turkiye.ahk.de/de
-
Dipl.-Geograph Christian Hartmann
Afrika | Europa | Außenwirtschaftsförderung
Webcode: N2011