Vom Sorgenkind zum Musterschüler
Die Wende geschafft: Griechenland setzt Akzente auf Digital, High-Tech und regionale Förderprogramme.
„Griechenland überrascht – und zwar positiv!“ Mit diesen Worten lud die IHK Nürnberg für Mittelfranken zur Veranstaltung „Marktchancen Griechenland – vom Sorgenkind zum Musterschüler“ ein. Mit einem stabilen Wachstum von über zwei Prozent und starker Investitionsförderung entwickle sich das einstige Krisenla zu einem der dynamischsten Märkte Südeuropas, so IHK Außenhandelsexperte Christian Hartmann. Davon profitiere auch die deutsche Wirtschaft, das Handelsvolumen wachse stetig.
Das bestätigten auch die Referenten bei der Veranstaltung, beispielsweise Georgios Theodorakis, Leiter der Geschäftsstelle Nordgriechenland der Deutsch-Griechischen Auslandshandelskammer (AHK). Der Handel zwischen beiden Ländern habe sich seit 2012 auf aktuell rund zwölf Mrd. Euro in etwa verdoppelt. Das hatte mehrere Gründe: Deutsche Unternehmen hielten ihre Präsenz in dem Land auch während der griechischen Schuldenkrise in den Zehner-Jahren aufrecht und haben Investitionen getätigt. Bei den Investitionen und den griechischen Importen steht Deutschland jeweils auf Platz eins und nach Italien ist Deutschland der zweitwichtigste Abnehmer griechischer Waren. Im Kommen ist Griechenland auch bei Investoren aus den USA wie etwa Google, Microsoft und Amazon – ebenfalls ein Zeichen dafür, dass sich das Land mit beherzten Wirtschaftsreformen aus der Krise herausgearbeitet hat.
Auf der Haben-Seite des Wirtschaftsstandorts Griechenland sieht Theodorakis eine ganze Reihe von Standortvorteilen: wettbewerbsfähiges Preis- und Kostenniveau, starke Wirtschafts- und Logistik Verbindungen zu den Ländern in Südosteuropa und Nordafrika, sehr gute IT-Infrastruktur, qualifiziertes Personal mit guten Fremdsprachenkenntnissen und ein reformiertes Wirtschaftsrecht (u. a. Flexibilisierung der Arbeitszeiten durch das neue Arbeitsgesetz).
Breites Spektrum an Förderungen
Die Rechtsanwälte Dirk Reinhardt und Nassos Michelis von der Kanzlei MStR Law Firm (Nürnberg/Athen) bestätigten, dass es eine ganze Reihe von Investitionsanreizen für ausländische Unternehmen gebe. Der Staat lege dabei Schwerpunkte auf die Bereiche erneuerbare Energien, Tourismus, hochwertige Immobilien, Logistik, Robotik, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie sowie Agrar- und Ernährungswirtschaft. Ein weiterer Akzent liegt auf Nachhaltigkeit und auf der Entwicklung strukturschwacher Gebiete, die u. a. durch das Entwicklungsgesetz Nr. 5203/2025 vorangebracht werden sollen. Auch die Europäische Union unterstützt mit Förderhilfen, etwa im Zuge des ESPA Partnership Agreement 2021 – 2027, das ein Volumen von rund 26 Mrd. Euro hat (EU-Mittel und nationale Kofinanzierung). Und es gibt die Aufbau- und Resilienzfazilität „Greece 2.0“, die Teil der europäischen Recovery and Resilience Facility (RRF) ist. Hier stehen rund 36 Mrd. Euro an Fördermitteln zur Verfügung – schwerpunktmäßig für Vorhaben in den Bereichen Infrastruktur, Digitalisierung, Energie, Innovation und Nachhaltigkeit.
Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind wichtige Themen in Griechenland geworden, wie auch Stefan Schmidt von der IHK Nürnberg für Mittelfranken unterstrich. Er koordiniert das Lehrgangskonzept „European Energy Manager“ (EUREM), das von der IHK entwickelt worden war und das schon in 30 Ländern auf der ganzen Welt übernommen wurde. Griechenland ist seit 2006 ein wichtiger Partner im internationalen EUREM-Netzwerk. In Athen und Thessaloniki wurden bereits 13 Trainings für Energie-Manager durchgeführt.
Von praktischen Erfahrungen berichtete Stelios Gikas, Geschäftsführer von Noris Mike, der griechischen Tochtergesellschaft der Nürnberger Noris Network Group. Der IT-Dienstleister ist seit 2016 in Griechenland aktiv und überaus zufrieden mit diesem Engagement. Gikas zeigte sich begeistert von der Dynamik des Landes: Es sei vom Sorgenkind zu einem Wachstumstreiber in der Euro-Zone geworden und lege vor allem bei der Digitalisierung ein beeindruckendes Tempo vor. Einer digitalen Revolution komme beispielsweise das staatliche Portal www.gov.gr gleich, über das sich weit über 2 000 behördliche Vorgänge elektronisch abwickeln lassen. Ebenso vorbildlich sei die technologische und IT-Infrastruktur - etwa in Thessaloniki, wo auch Noris Mike ansässig ist.
Gikas nannte einige weitere Gründe, die für ein Engagement in Griechenland sprechen: spürbare Kostenvorteile gegenüber Deutschland, großer Pool an hervorragend ausgebildeten Ingenieuren (auch angesichts der hohen Akademiker-Arbeitslosigkeit), gute Fremdsprachenkenntnisse und wettbewerbsfähiges Steuersystem. Er nannte aber auch ein paar Schattenseiten des Standorts wie die nach wie vor große Bürokratie, das schwerfällige Justizsystem und die mittlerweile anziehenden Lohnkosten. Aber die Referenten waren sich einig: Unter dem Strich überwiegen eindeutig die Vorzüge des Standorts, die ein Engagement in Griechenland empfehlenswert machen.
https://griechenland.ahk.de/de
www.enterprisegreece.gov.gr/en
-
Dipl.-Geograph Christian Hartmann
Afrika | Europa | Außenwirtschaftsförderung
Webcode: N2005