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Datev-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Robert Mayr.

Der Stammsitz der Nürnberger Datev eG wirkt bescheiden und schlicht: In der Paumgartnerstraße, einen Steinwurf entfernt von der einstigen Nürnberger Industriemeile, der Fürther Straße, verrät nur ein schlichtes Schild über dem kleinen Eingang: Dort befindet sich das Hauptquartier von Mittelfrankens drittgrößtem Arbeitgeber. Der verwinkelte Bau ist ein Erbe der Nürnberger Schraubenfabrik und FaÇondreherei (N.S.F.), die auf dem Areal seit der Kaiserzeit Metallrohlinge drehte und formte. Hier nahm die Datenverarbeitungszentrale der steuerberatenden Berufe Nürnberg 1969, drei Jahre nach ihrer Gründung, vier IBM-Großrechner für ihr erstes Rechenzentrum in Betrieb. Der technologische Meilenstein für die Genossenschaft bestand aus einer Gesamtspeicherleistung von 320 Kilobyte, um für die damals gut 2 000 Mitglieder Daten auf Lochstreifen für Finanzbuchführung, Lohnabrechnung und Kostenrechnung auszuwerten. Von den Mitgliedern kamen später die Daten per Magnetbandkassetten, es folgten Diskette und CD-Rom. Die Auswertungen verließen das Rechenzentrum erst auf Papier per Post, später via Datenfernübertragung, ISDN und Internet.

Für den heutigen Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Robert Mayr hat sich an dem Prinzip nicht viel verändert: „Heute heißt es Cloud, aber die Idee ist immer noch die gleiche.“ Nur kommen heute die Daten digital per VPN-gesicherter Internetverbindung von Steuerkanzleien und ihren Mandanten zur Verarbeitung und Auswertung. Das genossenschaftliche Vorhaben, den steuerberatenden Berufsstand durch EDV zu entlasten, hat sich über sechs Jahrzehnte zu einem starken digitalen Ökosystem entwickelt. Heute gilt die Datev mit Software und Cloud-Lösungen als drittgrößter Anbieter von Business-Software in Deutschland. Über 40 000 Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte betreuen als Mitglieder insgesamt 2,8 Mio. vorwiegend kleine und mittlere Unternehmen sowie Selbstständige, Kommunen, Vereine und Institutionen.

Umbruch durch digitale Transformation

Für den Datev-Chef ist die digitale Reise längst nicht zu Ende: „Wir stecken mitten in der digitalen Transformation, Cloud-Anwendungen und Künstliche Intelligenz krempeln den Arbeitsalltag in den Kanzleien vollständig um.“ Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer muss mit seinem Vorstand das Kunststück vollbringen, Mitglieder und Kunden auf dem Weg in diese Zukunft umfassend zu begleiten. Sie sollen von der Datev die entsprechende Unterstützung bekommen, um weiterhin ihr Geschäftsmodell so einfach und so effizient wie möglich umsetzen zu können. Hierbei ist die Genossenschaft als Rechts- und Wirtschaftsform mit ihren solidarischen und demokratischen Prinzipien für ihn nicht nur zeitgemäß, sondern vielleicht sogar anderen Rechtsformen überlegen. „Unsere Rechts- und vor allem Wirtschaftsform steht für Kontinuität
und Nachhaltigkeit, was im Augenblick ein Unternehmen eher auszeichnet“, sagt er mit Blick auf sich dramatisch verändernde Rahmenbedingungen in Politik und Recht, aber besonders bei Technologie und Markt. „Ich bin ein begeisterter Genossenschaftsfan.“

Die Datev-Mitarbeiterinnen Chiara Singh (l.) und Katharina Baluta: KI hilft, Produktivität zu verbessern.

Ein Blick auf die benachbarte Fürther Straße veranschaulicht, dass eine Transformation nicht zwangsläufig gut ausgehen muss: Von einst klangvollen Namen der Zweirad-, Waschmaschinen- und Büroindustrie zeugen heute nur noch revitalisierte Firmenareale. Und auf dem Gelände der Möbel-Quelle steht seit 2015 der Datev IT-Campus 111. Auch Mayr ist sich der Herausforderung bewusst, denn er muss derzeit für den möglichst reibungslosen Betrieb von zwei Produktwelten sorgen: die Datev-Software zur lokalen Nutzung einerseits und die wachsenden Cloud-Anwendungen andererseits. Die IT-Welt mit Lizenz-Software zur lokalen Nutzung in den Kanzleien (On-Premises) kommt auf mehr als 200 verschiedene Datev-Produkte in den Bereichen Rechnungswesen, Personalwirtschaft und IT-Management. Letztes Jahr wurden monatlich die Lohn- oder Gehaltsabrechnungen von gut 14,9 Mio. Arbeitnehmern mit Datev-Software erstellt. „Das migrieren wir in Echtzeit in die Cloud, ohne dass wir zwischendrin den Betrieb aussetzen können.“ Zuletzt hatte das browserbasierte Anwendungspaket für die Cloud-Lösungen bereits über 830 000 Nutzer.

Doch auch der Digitalisierungsprozess in den Kanzleien kommt mit unterschiedlichem Tempo voran. Je mehr Mitarbeiter ein Genossenschaftsmitglied hat, um so eher überzeugen die Chancen der Transformation. Dabei punkten etwa Effizienzsteigerung, ortsunabhängiger Zugriff auf Daten oder auch das generelle Thema Zukunftssicherung. Auf der anderen Seite geht es manchen Kanzlei-Chefs auch zu schnell: Da wird die weitere Digitalisierung schon einmal vom zeitlichen Aufwand für die Implementierung ausgebremst. Außerdem wächst – vielleicht auch mit Blick auf den Vormarsch der Künstlichen Intelligenz – die Sorge, dass die zunehmende Automatisierung die Nachvollziehbarkeit von Arbeitsergebnissen schwieriger macht. Schließlich gilt es auch noch, die vielfältigen Mandanten zu überzeugen.

KI steigert Produktivität

In der Genossenschaft haben die Entwickler den internen Datev-Copiloten geschaffen, der als KI-Assistent auch Kanzleien bei deren Tagesgeschäft unterstützt. „Die KI hilft uns, deutliche Skaleneffekte zu realisieren, unsere Produktivität hat sich bereits an einigen Stellen verbessert“, berichtet Mayr. „Das heißt aber nicht, dass wir uns von Mitarbeitern trennen.“ Er führt lieber einen offenen Dialog und setzt auf Schulungen, damit im Unternehmen keine Angst aufkommt.

Ende 2025 lag die Zahl der Beschäftigten bei insgesamt 9 074, das sind 23 mehr als im Vorjahr. Davon arbeiten 8 800 an den Standorten in Nürnberg. Mayr unterstreicht nachdrücklich: „Wir substituieren keine Menschen durch KI, wir setzen sie besser ein.“ Denn die Riesenbaustelle Migration in die Cloud sei ein großer Kraftakt. Aber auch nach der Migration könne man das Geschäft nicht den KI-Agenten allein überlassen: „KI ist und bleibt ein Werkzeug, man kann die Ergebnisse nicht unreflektiert übernehmen.“

Eine ähnliche Botschaft hat er auch für die Mitglieder der Datev. Auch bei fortschreitender Automatisierung in den Kanzleien sei es unabdingbar, dass man die Ergebnisse der KI beurteilen könne: „Der Berufsstand kann die Verantwortung nicht an die KI auslagern.“ Manuelle Routinearbeiten verschwinden, die KI schafft bessere Daten und mehr Zeit für Beratung der Mandanten. Er rechnet sogar damit, dass kaufmännische Angelegenheiten sich mehr und mehr aus den Unternehmen heraus verlagern. „Der Steuerberater wird zum CFO und Controller“, bringt er seine Überzeugung auf den Punkt. Denn der könne es viel effizienter und kompetenter als manch ein Mittelständer, der kaum Luft neben dem Tagesgeschäft hat. Darüber hinaus müsse man auch den demografischen Wandel und den Abschied der Babyboomer in den Ruhestand im Hinterkopf haben.

Blick auf das Datev-Stammhaus in der Paumgartner Straße in Nürnberg.

Um weiterhin die führende Rolle im Markt zu behaupten, hat die Datev ihr Innovationsmanagement stark professionalisiert. Denn kaum ein Bereich verändert sich so schnell wie die KI-getriebene Digitalisierung. So beobachten Mitarbeiter aus Nürnberg in den USA kontinuierlich die neuesten Technologien. In Israel wird das Thema Security unter die Lupe genommen. Auch in Asien halte man die Augen offen. In Japan besteht seit über 50 Jahren ein offener Austausch über technologische Themen mit einem Kooperationspartner, weil man nicht im geschäftlichen Wettbewerb steht.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchte der IT-Dienstleister ein deutliches Wachstum. Der Umsatz kletterte um neun Prozent auf 1,65 Mrd. Euro, rund zwei Drittel der Einnahmen stammen aus dem direkten Kanzleigeschäft. Das Betriebsergebnis sprang um fast 40 Mio. Euro auf 132 Mio. Euro. Davon erhielten die Mitglieder eine genossenschaftliche Rückvergütung von insgesamt 63,6 Mio. Euro. Einen wirtschaftlichen Ausblick zum Jahresende 2026 macht Mayr traditionell nicht. Der Umsatz dürfte aber weiter steigen, das Geschäft mit der Transformation läuft bislang gut. 

Autor: Thomas Tjiang

www.datev.de

 

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