Am Tor zur Stadt
Das traditionsreiche Hotel Victoria ist in seinen 130 Jahren zu einer festen Größe für Reisende in Nürnberg geworden.
Über seine Lage konnte sich das Hotel Victoria noch nie beklagen: Wenn man über das Königstor die Altstadt betritt, einem der Hauptzugänge, kann man das Haus auf der linken Seite neben dem Frauentorturm eigentlich nicht übersehen. Seit 130 Jahren schon begrüßt es Reisende, die in die Stadt kommen, und bietet ihnen eine Möglichkeit zur Unterkunft. Und 30 Jahre davon steht es unter Leitung von Sabine Powels. Es ist in diesem Jahr also gewissermaßen auch für sie persönlich ein Jubiläum.
Ihr Urgroßvater Josef Schuler hatte das Hotel 1920 erworben, seitdem ist es in vierter Generation in Besitz ihrer Familie. Während die Geschäftsleitung stets in deren Hand lag, gab es immer wieder Zeiträume, in denen die operative Führung an angestellte Direktoren abgegeben wurde und die Familie im Hintergrund blieb. So auch in den Jahren, bevor Powels 1996 das Hotelgeschäft übernahm. „Viel Ahnung hatte ich damals noch nicht mit meinen 24 Jahren“, erinnert sich die Unternehmerin. Sie habe sich aber an ihren Vater und ihren Großvater wenden können, zwei erfahrene Kaufleute, die zu Beginn als Geschäftsführer beratend zur Seite standen. Ansonsten habe sie große Freiheit gehabt, zu gestalten, berichtet die Hotelchefin über die damalige Zeit. Sie sei auch nicht gezwungen gewesen, den Weg in die Hotellerie einzuschlagen. Nachdem sie aber Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Tourismus und Hotelmanagement studiert hatte, habe sich bald herauskristallisiert, dass sie diese Aufgabe übernehmen würde, erzählt Powels.
Am Unternehmerin sein gibt es viele Facetten, die ihr Spaß machen: „Ein Team formen, es organisieren, ihm Struktur geben, aber auch Vertrauen und Sicherheit – das ist eine Sache, die dazugehört“, sagt die Hotelière. Ebenso sei entscheidend, mit einer Vision in die Zukunft zu blicken und zu sehen, wie Erfolg entsteht – aber auch aus Misserfolgen zu lernen. Eine der prägendsten Erfahrungen als Hotelchefin war die Corona-Zeit – sowohl die damit verbundenen Herausforderungen, als auch die Erfolge, die sie und ihr Team trotz dieser schwierigen Jahre erzielten. So mussten die Auszubildenden und dual Studierenden nicht in Kurzarbeit geschickt werden, sondern es gelang, mit ihnen den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zudem habe man trotz Kurzarbeit und unsicherer Zeiten niemanden vom Kernteam verloren. Eine weiterer Erfolg für Powels: Es sei gelungen, das Gebäude um eine Etage aufzustocken und die dahinterstehenden Umbauziele zu erreichen. Denn in diesem Zug wurden die meisten der bis dahin sehr zahlreichen Einzelzimmer zusammengelegt, um die Räumlichkeiten stärker auf den Tourismus auszurichten, also mehr auf Paare und Familien statt nur auf Messegäste und andere einzelne Geschäftsreisende. Bis etwa Ende der 90er Jahre sei die gute Lage des Hauses ausreichend für einen erfolgreichen Hotelbetrieb gewesen, so Powels. Doch heute sei es entscheidend, sich immer wieder auf neue Gegebenheiten einzustellen: Nun gibt es verschiedene Zimmerkategorien mit entsprechenden Geschichten und Konzepten dahinter – etwa ein „Kreativschub-Zimmer“ für Business-Gäste oder ein „Lebensraum-Zimmer“ für Familien.
Für jedes Lebensmodell ein Arbeitsmodell
Für den reibungslosen Betrieb arbeiten etwa 40 Beschäftigte in unterschiedlichen Zeitmodellen, darunter auch Azubis, Minijobber und Werkstudenten. „Wir bieten für jedes Lebensmodell ein Arbeitsmodell“, sagt Powels. Der Personalmarkt habe sich in den letzten Jahren verbessert, gleichzeitig bestehe das Hotel-Team aus vielen langjährigen Mitarbeitern. „Es spricht sich in der Nürnberger Hotelbranche rum, wie wir Arbeit verstehen, dass New Work absolut in der Hotellerie angekommen ist und wir fördern, aber gleichermaßen auch fordern“, so die Unternehmerin. Die Fluktuation sei dementsprechend vergleichsweise gering.
Auch wenn die Hotellerie ein relativ gleichbleibendes Geschäft sein dürfte, geht Powels davon aus, dass sie sich in Zukunft verändern wird: Entweder mit kaum beziehungsweise gar keinem Personal oder mit Technik im Hintergrund und mit persönlicher Betreuung im Vordergrund. Für das „Victoria“ komme nur Letzteres in Frage. Und auch technisch müsse man im Hotelgewerbe immer auf dem Laufenden bleiben. Bestes Beispiel seien Klimaanlagen, wie der vergangene Hitzesommer gezeigt hat. Mit deren Einbau hat das Haus 2017 begonnen, seit 2024 kann das gesamte Gebäude klimatisiert werden. Und auch Künstliche Intelligenz hält in dem Gästebetrieb Einzug: Der digitale Assistent „Theo“ übernimmt beratende Aufgaben, sodass das Personal mehr Zeit für die persönliche Betreuung der Hotelgäste hat. Für die kommenden Jahre hat Powels auch schon viel vor, etwa eine Photovoltaik-Anlage einzurichten – die Hürden beim Denkmalschutz wurden dabei schon überwunden. Die wechselnden Herausforderungen und ständigen neuen Projekte würden andere wohl als Belastung sehen. Ganz anders die Hotelchefin: „Mir wird nachgesagt, dass ich jedes Jahr meine Baustelle brauche“, sagt sie mit einem Lachen.
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