Weniger USA, mehr Welt
Kanada: Infrastruktur, Tech-Investitionen und neue Märkte im Ausland: Kanada will Abhängigkeit von den USA verringern.
Die geopolitischen Verwerfungen und die sprunghafte US-Außenpolitik eröffnen auch neue Möglichkeiten. Das wurde bei zwei Veranstaltungen zum Markteinstieg Kanada deutlich. Lucie Schuster und Lukas Kirstgen von der Deutsch-Kanadischen Auslandshandelskammer (AHK) berichteten, das Ansinnen von US-Präsident Donald Trump, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen, habe das Land aufgeschreckt. Premierminister Mark Carney hat der elftgrößten Volkswirtschaft der Welt deshalb eine Neuausrichtung unter dem Motto „Canada first, not Canada alone“ verordnet. Damit soll die Abhängigkeit von den USA verringert und die Annäherung an die EU gefördert werden.
Wie eng das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde mit seinen gut 41 Mio. Einwohnern mit den USA vernetzt ist, zeigt ein Blick in die Außenhandelsstatistik: Über 70 Prozent der Exporte gehen dorthin, beim Import dominieren die USA mit gut 46 Prozent. Kanada wendet deshalb den Blick verstärkt nach Europa und in den Indopazifik. Vorangetrieben werden auch Vorhaben von nationalem Interesse. Dafür wurde die Bundesbehörde „Major Projects Office“ neu geschaffen, die mit einem Budget von 125 Mrd. kanadischen Dollar ausgestattet ist. Vorrangig sind aktuell 15 Projekte, u. a. eine LNG-Pipeline, der Abbau von Seltenen Erden oder die erste kanadische Hochgeschwindigkeitsbahn (Alto High-Speed Rail Project), die über rund 1 000 Kilometer von Toronto nach Québec City führt. Außerdem treibt die Behörde Innovationen in sogenannten „Global Innovation Clusters“ voran: Künstliche Intelligenz und digitale Schlüsseltechnologien (Canada-Germany Digital Alliance), Wasserstoff, kritische Mineralien und Verteidigung. Bis 2030 will sich Kanada zu 90 Prozent aus erneuerbaren und emissionsfreien Energiequellen versorgen. Bis 2035 müssen drei Viertel aller Neuwagen elektrisch sein. Deutsche Unternehmen hätten bei allen Clustern gute Chancen, denn „Made in Germany“ und deutsche Qualität werden laut Schneider in Kanada sehr geschätzt.
Für Unternehmen aus Bayern ist Kanada laut Schuster aus mehreren Gründen attraktiv: hohe Kaufkraft, ähnliche Mentalität und Geschäftspraktiken wie in Europa, stabiles Bankensystem und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Über das Freihandelsabkommen mit den USA und Mexiko (CUSMA), das gerade neu verhandelt wird, hat man Marktzugang in ganz Nordamerika. Insgesamt hat Kanada 15 Freihandelsabkommen mit 51 Ländern. Das CETA-Abkommen mit der EU wird bislang allerdings nur vorläufig angewendet.
Starke deutsche Präsenz
Gut 600 deutsche Firmen sind aktuell vor Ort präsent. Der Markteintritt in dem Land mit den beiden Amtssprachen Englisch und Französisch ist laut der AHK-Expertin „transparent, schnell und investorenfreundlich“. Angesichts der stark föderalen Struktur erlaubt nur eine sogenannte Bundesgründung (Federal Incorporation) eine Geschäftstätigkeit in ganz Kanada, eine sogenannte Provinzgründung (Provincial Incorporation) schränkt den Radius dagegen deutlich ein. So kommen beispielsweise in Québec zur eigentlichen Gründung zusätzliche Sprach-, Namens- und Compliance-Anforderungen. Das kann den operativen Aufwand gegenüber anderen Provinzen erhöhen. Außerdem haben die Provinzen unterschiedliche Vorzüge: Ontario bietet den größten Arbeitsmarkt mit hoher internationaler Zuwanderung und wird typischerweise als Haupt- oder Vertriebssitz gewählt. Québec hat Stärken bei Forschung, Engineering und KI. British Columbia hat hohe Lebens- und Personalkosten, punktet aber mit Innovation, Tech-Netzwerken und internationaler Verflechtung.
Markteinsteiger müssen vor dem Einstieg in Kanada die unterschiedlichen Regelungen der einzelnen Provinzen unter die Lupe nehmen. So gibt es etwa bei der Körperschafts- oder Umsatzsteuer neben der Bundessteuer auch eine zusätzliche Provinzsteuer, die wiederum je nach Provinz unterschiedlich sein kann. „Die Standortwahl ist immer auch eine Steuer- und Compliance-Entscheidung“, unterstreicht Schuster. Außerdem reicht eine CE-Kennzeichnung nicht immer für einen Marktzugang, meist müssen anwendungs- und produktspezifische Anforderungen erfüllt werden.
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