Ankommen und bleiben
Internationale Fachkräfte: So gewinnt und hält man Fachkräfte in Deutschland: Prof. Dr. Yuliya Kosyakova, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Deutschland steht vor einer doppelten Her ausforderung: Der Arbeitskräftemangel verschärft sich und zugleich gelingt es häufig nicht, zugewanderte Fachkräfte dauerhaft im Land zu halten. In der Veranstaltungsreihe „IHK trifft Wissenschaft“ zeigte Prof. Dr. Yuliya Kosyakova auf, warum Migration längst keine Option mehr ist, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit – und weshalb die eigentliche Aufgabe erst nach der Ankunft beginnt. Die Wissenschaftlerin ist Lei terin des Forschungsbereiches Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufs forschung (IAB).
IHK-Präsident Dr. Armin Zitzmann unterstrich bei seiner Einführung, dass Fachkräftesicherung eines der zentralen Themen der IHK sei. Das Thema Fachkräftemangel sei angesichts der globalen Tur bulenzen etwas in den Hintergrund geraten, werde die Unternehmen aber langfristig beschäftigen. „Denn die Demografie lässt sich nicht überlisten“, so Zitzmann. Das unterstrich Yuliya Kosyakova, die auch Professorin für Migrationsforschung an der Universität Bamberg ist, mit Blick auf die Datenlage ausdrücklich: Rund 40 Prozent der Unter nehmen berichteten bereits heute von Fachkräftemangel. Gleichzeitig nehme das Potenzial an Erwerbspersonen demografisch bedingt kontinuierlich ab. Selbst wenn alle inländischen Potenziale – etwa durch höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen oder älteren Menschen – optimal ausge schöpft würden, werde das nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken.
Die Prognosen: Deutschland benötige jährlich rund 400.000 zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland – und zwar netto, also Menschen, die nicht nur kommen, sondern auch bleiben. Ohne Migration würde das Potenzial an Erwerbspersonen langfristig massiv schrumpfen. Bereits heute zeige sich, wie stark der Arbeitsmarkt von Zuwanderung profitiert, so Kosyakova: Während die Zahl der Erwerbspersonen mit deutscher Staatsangehörigkeit seit 2010 rückläufig sei, habe sich die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte deutlich erhöht und stabilisiere so das Gesamtangebot.
Rekrutierung von ausländischen Fachkräften allein reicht nicht aus. Wir müssen die Menschen an uns binden, damit sie auch hier bleiben.
Bisherige Reformen reichen nicht aus: Deutschland sei weiterhin ein attraktives Zielland für Migrantinnen und Migranten, auch wenn die Attraktivität im internationalen Vergleich leicht gesunken ist. Reformen wie das Fachkräfte-Einwanderungs Gesetz hätten zwar Impulse gesetzt und die Zu wanderung erleichtert, doch ein grundlegender Systemwechsel sei bislang ausgeblieben. Ein zen trales Problem: Erwerbsbezogene Zuwanderung mache nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Gesamtmigration aus. Viele Menschen kämen über Familiennachzug, wegen Ausbildung und Studium oder aus humanitären Gründen. Gleichzeitig zeige sich, dass die jenigen, die gezielt für den Arbeits markt einwandern, besonders erfolgreich integ riert sind – mit hohen Beschäftigungsquoten und teils überdurchschnittlichen Einkommen. Weitere Erkenntnis der Migrationsforschung: Die bisherigen Reformen haben die Zuwanderung zwar er höht, jedoch vor allem entlang bestehender Herkunftsländer und Strukturen. Neue Potenziale werden bislang nur begrenzt erschlossen.
Wie bindet man Fachkräfte an Deutschland? Der zentrale Befund des Vortrags betraf jedoch nicht die Zuwanderung selbst, sondern den dauerhaften Verbleib qualifizierter Migranten in Deutschland. Ohne verlässliche Perspektiven verliere die Zu wanderung ihre wirtschaftliche Wirkung, unter stich Kosyakova. Aktuelle Studien des IAB zeigen, dass zwar viele Zugewanderte grundsätzlich be reit sind, dauerhaft in Deutschland zu leben, doch gleichzeitig denkt mehr als ein Viertel über eine Abwanderung nach. Hochgerechnet entspricht das rund 2,6 Mio. Menschen. Konkrete Auswanderungspläne äußern etwa 300.000 Personen. Besonders kritisch: Gerade gut qualifizierte, beruflich erfolgreiche und sprachlich integrierte Migrantinnen und Migranten zeigen eine überdurch schnittlich hohe Abwanderungsneigung. Es sind also genau jene Fachkräfte, die der Arbeitsmarkt besonders dringend benötigt. Hinzu kommt, dass die Zuwanderung aus den osteuropäischen EU Mitgliedsstaaten weitgehend ausgeschöpft ist. Viele kehren angesichts des Aufschwungs in ihren Ländern sogar wieder zurück.
Strukturelle Gründe treiben Abwanderung: Die Gründe für Überlegungen, Deutschland wieder zu verlassen, sind häufig nicht individuell, sondern oft struktureller Natur. An erster Stelle stehen Faktoren wie Steuerlast, Bürokratie, wirtschaftliche Perspektiven und politische Rahmenbedingungen. Auch persönliche Präferenzen spielen eine Rolle. Geflüchtete nennen zusätzlich häufig Diskriminierungserfahrungen und behördliche Hürden als Belastung. Insgesamt zeigt sich: Die Entscheidung zu gehen, ist selten spontan, sondern Ergebnis eines längerfristigen Abwägungsprozesses.
Dabei unterscheiden sich die Rückkehr in das Heimatland und die Weiterwanderung in andere Länder deutlich: Während Rückkehrer häufig aus familiären oder persönlichen Gründen in ihr Herkunftsland zurückkehren, orientieren sich Weiter wandernde stärker an beruflichen Chancen und wirtschaftlichen Perspektiven in anderen Ländern. Deutschland konkurriert hier insbesondere mit klassischen Einwanderungsländern und wohl habenden Nachbarstaaten.
Das Thema Fachkräftemangel ist angesichts der globalen Turbulenzen etwas in den Hintergrund geraten, wird die Unternehmen aber langfristig beschäftigen. Denn die Demografie lässt sich nicht überlisten.
Integration ist Standortpolitik: Ein entscheidender Hebel für den Verbleib ist die Integration, mahnte Kosyakova. Dies betreffe nicht nur das Ar beitsleben und die Zufriedenheit im Job, sondern auch Aspekte wie soziale Einbindung, familiäre Perspektiven und Zugehörigkeitsgefühl. Kurzum: Wer sich willkommen fühlt und verlässliche Lebensbedingungen vorfindet, bleibt eher. Umgekehrt steigt die Abwanderungsneigung, wenn Unsicherheit, Diskriminierung oder mangelnde Perspektiven dominieren. In diesem Zusammen hang spielt die Qualität der Beschäftigung eine wichtige Rolle: Wer einen unbefristeten Arbeits vertrag hat und im Job zufrieden ist, kann längerfristig planen und wird deshalb weniger daran denken, Deutschland wieder zu verlassen. Hoch qualifizierte Fachkräfte, die auch in anderen Ländern gefragt sind, haben aber auch außerhalb Deutschlands gute Optionen.
Geflüchtete als unterschätztes Potenzial: Einen weiteren Schwerpunkt legte Kosyakova auf die Integration von geflüchteten Menschen: Grundsätz lich hätten sie schwierigere Startbedingungen, weil sie vor Krieg und Verfolgung fliehen mussten und sie deshalb oft auch psychisch belastet sind. Zudem konnten sie sich im Heimatland meist nicht so auf das Leben in Deutschland vorbereiten, wie dies bei Fachkräften der Fall ist, die der Arbeit wegen einwandern. Allerdings zeigt sich, dass auch geflüchtete Menschen mit der Zeit auf dem Arbeitsmarkt stark aufholen: Neun Jahre nach ihrer Ankunft waren rund zwei Drittel der im Jahr 2015 Zugewanderten erwerbstätig. Auch jüngere Gruppen, etwa Geflüchtete aus der Ukraine, integrieren sich zunehmend schnell in den Arbeits markt. Viele arbeiten in systemrelevanten Berufen, die für das Funktionieren der Wirtschaft unverzichtbar sind. Dennoch bleiben nach Worten Kosyakovas viele Potenziale ungenutzt – etwa durch verzögerte Anerkennung von Abschlüssen oder bürokratische Hürden. Hinzu kommt, dass viele unterhalb ihrer formalen Qualifikation arbeiten.
Was jetzt zu tun ist: Deutschland muss Migration strategischer denken und als langfristige Investition in die eigene Zukunftsfähigkeit, so Kosya kovas Fazit. Dazu gehört vor allem ein Perspektivwechsel: weg von reiner Rekrutierung, hinzu nachhaltiger Bindung. Konkret heißt das, Bürokratie abbauen, Verfahren beschleunigen und digitalisieren, Anerkennungssysteme flexibler gestalten und stärker auf tatsächliche Kompetenzen fokussieren. Ebenso entscheidend sind verlässliche Aufenthalts- und Bleibeperspektiven, die es für die Zuwanderer erst attraktiv machen, hier zulande in Sprache, Qualifikation und Integration zu „investieren“. Darüber hinaus braucht es funk tionierende lokale Strukturen: Unterstützung bei Wohnungssuche, Kinderbetreuung und Arbeits marktintegration von Partnerinnen und Partnern. Initiativen wie Welcome-Center oder „Work-and Stay“-Agenturen können hier eine zentrale Rolle spielen. Nicht zuletzt sind auch Unternehmen gefragt – insbesondere kleine und mittlere Betriebe, die aber oft Unterstützung bei der Integration internationaler Fachkräfte benötigen.
Migration allein löse den Fachkräftemangel nicht, aber ohne Migration würde er unlösbar, sagte Kosyakova. Entscheidend sei, ob es gelingt, aus Zuwanderung dauerhaftes Bleiben zu machen: „Denn Fachkräfte zu gewinnen ist das eine. Sie zu halten, ist die eigentliche Zukunftsaufgabe.“
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